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| Wilhelm Meisters Lehrjahre 8 |
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Zweites Kapitel II
Das Mädchen trat herein, bat ihn herunterzukommen und führte Felix mit sich fort.
"Ist es möglich?" rief er aus, "ist es wahr? Was soll ich tun? Bleiben und abwarten und aufklären? oder eilen? eilen und mich einer Entwicklung entgegenstürzen? Du bist auf dem Wege zu ihr und kannst zaudern? Diesen Abend sollst du sie sehen und willst dich freiwillig ins Gefängnis einsperren? Es ist ihre Hand, ja sie ist's!
Diese Hand beruft dich, ihr Wagen ist angespannt, dich zu ihr zu führen; nun löst sich das Rätsel: Lothario hat zwei Schwestern. Er weiß mein Verhältnis zu der einen; wieviel ich der andern schuldig bin, ist ihm unbekannt. Auch sie weiß nicht, daß der verwundete Vagabund, der ihr, wo nicht sein Leben, doch seine Gesundheit verdankt, in dem Hause ihres Bruders so unverdient gütig aufgenommen worden ist."
Felix, der sich unten im Wagen schaukelte, rief: "Vater, komm! o komm! sieh die schönen Wolken, die schönen Farben!"- - "Ja, ich komme", rief Wilhelm, indem er die Treppe hinuntersprang, "und alle Erscheinungen des Himmels, die du gutes Kind noch sehr bewunderst, sind nichts gegen den Anblick, den ich erwarte." Im Wagen sitzend, rief er nun alle Verhältnisse in sein Gedächtnis zurück.
"So ist also auch diese Natalie die Freundin Theresens! welch eine Entdeckung, welche Hoffnung und welche Aussichten! Wie seltsam, daß die Furcht, von der einen Schwester reden zu hören, mir das Dasein der andern ganz und gar verbergen konnte!" Mit welcher Freude sah er seinen Felix an; er hoffte für den Knaben wie für sich die beste Aufnahme.
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