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Wilhelm Meisters Lehrjahre 8

Wilhelm Meisters Lehrjahre 8
Erstes Kapitel
Zweites Kapitel I
Zweites Kapitel II
Drittes Kapitel I
Drittes Kapitel II
Viertes Kapitel
Fünftes Kapitel I
Fünftes Kapitel II
Sechstes Kapitel
Siebentes Kapitel
Achtes Kapitel
Neuntes Kapitel I
Neuntes Kapitel II
Zehntes Kapitel I
Zehntes Kapitel II
 
 

Zehntes Kapitel II 

"Ich begreife nicht", sagte der Arzt nach einiger Pause, "daß sich auch nicht die geringste Spur eines gefährlichen Zustandes am Kinde zeigt. Auch nur mit einem Schluck muß es eine ungeheure Dosis Opium zu sich genommen haben, und nun finde ich an seinem Pulse keine weitere Bewegung, als die ich meinen Mitteln und der Furcht zuschreiben kann, in die wir das Kind versetzt haben."
 
Bald darauf trat Jarno mit der Nachricht herein, daß man Augustin auf dem Oberboden in seinem Blute gefunden habe, ein Schermesser habe neben ihm gelegen, wahrscheinlich habe er sich die Kehle abgeschnitten. Der Arzt eilte fort und begegnete den Leuten, welche den Körper die Treppe herunterbrachten.
 
Er ward auf ein Bett gelegt und genau untersucht; der Schnitt war in die Luftröhre gegangen, auf einen starken Blutverlust war eine Ohnmacht gefolgt, doch ließ sich bald bemerken, daß noch Leben, daß noch Hoffnung übrig sei. Der Arzt brachte den Körper in die rechte Lage, fügte die getrennten Teile zusammen und legte den Verband auf. Die Nacht ging allen schlaflos und sorgenvoll vorüber.
 
Das Kind wollte sich nicht von Natalien trennen lassen. Wilhelm saß vor ihr auf einem Schemel; er hatte die Füße des Knaben auf seinem Schoße, Kopf und Brust lagen auf dem ihrigen, so teilten sie die angenehme Last und die schmerzlichen Sorgen und verharrten, bis der Tag anbrach, in der unbequemen und traurigen Lage; Natalie hatte Wilhelmen ihre Hand gegeben, sie sprachen kein Wort, sahen auf das Kind und sahen einander an.
 
 
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